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Was Stress mit Übergewicht zu tun hat

Letztens bin ich auf Achim Peters aufmerksam geworden. Er ist Mediziner und hat sehr viel zum Thema Übergewicht geforscht. Für ihn ist Stress die Hauptursache Nr. 1 für Übergewicht. Darum muß nach seiner Meinung auch jede Diät scheitern, da sie dem übergewichtigen Menschen seiner Stressverarbeitungsstrategie berauben will. Sprich, solange der Mensch in einer stressvollen Umgebung bleibt, bzw. er weiterhin an innerem psychosozialem Stress leidet, kann sich auch am Gewicht nichts ändern. Er geht sogar noch einen Schritt weiter und behauptet, dass es geradezu gefährlich ist, den Schutzmechanismus dicker Menschen gegen Stress , nämlich das übermäßige Essen, unterbinden zu wollen, weil es dann zu noch ernsthafteren und lebensbedrohlicheren Reaktionen des Körpers kommen kann, z.B. würde dann  das Herzinfaktrisiko steigen. Das entspricht nicht gerade der allgemeingültigen Meinung vieler Mediziner, nämlich dass Übergewicht das Herzinfaktrisiko erhöht.
Wie ist das zu erklären?
Achim Peters sagt, es ist nicht das Dicksein, was krank macht. Übergewicht sei daher eine Folgeerscheinung von stetiger Überlastung des Stressverarbeitungssystems. Der Körper eines dicken Menschen hat diesen Weg gewählt, um damit umzugehen und Schlimmeres zu verhindern.

Stress macht krank, weil bestimmte Hormone im Körper ansteigen- genauer gesagt das Stresshormon Cortisol. Cortisol wird ausgeschüttet, um uns in Gefahrensituationen leistungsstark zu machen: Das Gehirn arbeitet dann schneller und besser, wenn Cortisol im Blut zirkuliert. Grundsätzlich ist das eine sinnvolle Sache, wenn es darum geht, schnell Gefahrensituationen zu meistern, z.B. im Straßenverkehr schnell zu reagieren oder bei Bedrohungssituationen flüchten zu können. Kampf, Flucht, Totstellen, das sind die drei Dinge, die uns unser Stressystem bei Gefahr zur verfügung stellt.

Doch sind stressauslösende Situationen heute sehr viel komplexer und mit den drei eben genannten Möglichkeiten kaum noch zu bewältigen. Viele Menschen stecken heute in dauerhaft anhaltenden Stressituiationen fest, hervorgerufen durch  z.B. unsichere Arbeitsplatzbedingungen, finanzielle Schwierigkeiten,  als Alleinerziehende/r überlastet oder Probleme in Ehe und Partnerschaft bzw.  Einsamkeit durch immer mehr Unverbindlichkeit und Vereinzelung in unserer individualisierten Gesellschaft. Dann ist das Cortisol im Blut permanent erhöht. Dazu sagt Achim Peters: „Cortisol macht uns krank und läßt uns eher sterben.“

Peters weiter: „Und dann gibt es eben Menschen, die haben eine Lösung für diesen Zustand gefunden. Wenn sie  im Alltag Stress haben, dann gelingt es ihrem Gehirn, das Cortisol einfach runterzufahren. “ Selbst wenn sie oft mit  druckauslösenden Situationen im Alltag konfrontiert sind, z.B. durch ein dauerhaft angespanntes Verhältnis zum Chef, steigt deren Cortisol überhaupt nicht mehr an. Das hat einen riesigen Vorteil, denn das Cortisol verbleibt trotz Dauerstress nicht in ihrem Blutkreislauf und kann seine negativen Auswirkungen für den Körper gar nicht erst entwickeln. Und das sind, so Peters, die dicken Menschen!

Zuerst haben Nieren-Spezialisten festgestellt, dass Dialyse-Patienten, die dick sind, länger leben als dünne Dialyse-Patienten. Das gleiche haben Herz-Spezialisten herausgefunden, nämlich dass die dicken Menschen mit Herzinfarkt länger leben als die Dünnen.Und auch die Neurologen fanden heraus: dicke Menschen mit Schlaganfall leben länger als dünne Schlaganfall-Patienten..

Und noch einmal Peters Thesen dazu: „Wenn man nun vergleicht: dicke Menschen unter Stress und dünne Menschen unter Stress…dann haben sie unterschiedliche gesundheitliche Folgen: die dicken Menschen haben mehr Gelenkprobleme, wie Artrose, und haben dadurch eine eingeschränkte Beweglichkeit. Das sind ganz klare Nachteile. Aber wenn man sich die dünnen gestressten Menschen anschaut, dann haben die andere, und zwar viel schwerwiegendere Nachteile. Sie bekommen eher Arterosklerose (Arterienverkalkung), sie bekommen häufiger Herzinfarkte und Schlaganfälle…also die dünnen, gestressten Menschen, wohlgemerkt, obwohl man das immer den übergewichtigen Menschen zugeschrieben hat, an diesen Krankheiten eher zu erkranken-und zwar bedingt durch ihr Übergewicht. Aber das Gegenteil ist der Fall. “ Peters, der sich dabei auf viele Studien beruft, verweist auf die Erkenntnisse der modernen Hirnforschung. Wenn man diese berücksichtigt, erscheint das Thema Übergewicht in einem völlig  neuen Licht: nämlich als ein Indikator für Menschen, die unter permanenten Überlastungssituationen leiden. Er fordert ein konsequentes Umdenken im Umgang mit dem Thema Übergewicht. Er verweist auch darauf, dass dicke Menschen in unserer Gesellschaft diskriminiert werden, indem ihnen Willensschwäche und Disziplinlosigkeit vorgeworfen werden. Diäten verschärfen die ganze Situiation noch, weil sie einen zusätzlichen Stressfaktor für dicke Menschen darstellen. Es muss an den stressauslösenden Bedingungen angesetzt werden, nur dann kann sich nachhaltig etwas verändern.

Die Thesen von Achim Peters sind umstritten. Ich muss aber sagen, dass sie genau meiner Erfahrung entsprechen. Ich habe seit meiner Kindheit mit Gewichtsproblemen zu kämpfen. Wenn ich heute betrachte, ab wann ich zugenommen habe und die Thesen von Peters berücksichtige, dann macht der Anstieg meines Körpergewichts absolut Sinn. Erst, als ich für bestimmte stressauslösende Situationen eine Lösung gefunden hatte und ich Bedingungen in meinem Leben radikal änderte, gelang es mir, mein Körpergewicht zu reduzieren. Und ich denke, dass die Ernährungsform, die man letztendlich wählt, zweitrangig ist. Erst muss das Stressproblem gelöst werden, dann muss ich eine Ernährungsform finden, die zu mir passt und mit der ich mich wohl fühle. Bei mir ist es „Low Carb High Fat“ geworden. Aber bei dir kann es was ganz anderes sein. Hier zeigt sich auch mal wieder, dass es im Leben keine festen Patentrezepte gibt. Nur du kannst wissen, was gut für dich ist!

Ich kann wirklich sagen, dass ich mit Stress heute anders umgehe, und zwar sowohl mental als auch auf der Verhaltensebene. Und ich esse nicht mehr bei Stress. Aber dafür mußte ich mir andere, sinnvollere Strategien aneignen. Und ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass durch meine Gewichtsabnahme und mein neues Selbstbewußtsein bestimmte Stressfaktoren sogar zugenommen haben. Meine Psyche hat das sicherlich gewußt, dass das passieren würde.  Meine Fettschicht hat mich also auch seelisch vor bestimmten Situationen geschützt. Ich vertrete daher die These, dass Übergewicht immer auch eine sinnvolle Funktion hat, die es gilt zu entschlüsseln. Dazu an anderer Stelle mal mehr… Bei mir war es in jedem Fall so: Erst, als ich mich soweit gestärkt hatte, mit allem was mich umgab, selbstbewußter und gelassener umzugehen, konnte ich das Fett langsam loslassen. Das ist meine feste Überzeugung. Ich habe mir für diese Reflexionsprozesse auch Unterstützung an die Seite geholt, wenn ich allein nicht weiter kam. Und ich denke, dass die meisten Menschen therapeutische Stärkung brauchen, um an ihren inneren und äußeren Stressfaktoren zu arbeiten und etwas zu verändern. Und auch, wenn du es vielleicht nicht mehr hören kannst, weil dieses Thema gerade so im Trend ist….mein erster Schritt zum besseren Umgang mit mir selbst war das Einüben von ACHTSAMKEIT.

Wer sich für Achim Peters Thesen interessiert, dem seien seine Bücher „Mythos Übergewicht“ und „Das egoistische Gehirn“ empfohlen.

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Published inPsyche

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